Theorie

Das Ende der Neuen Musik als Avantgarde in den 1970er Jahren

(Auszüge)

von Genoël von Lilienstern

Integration von Pop-Musik in Neue Musik gibt es schon länger – dafür möglicherweise aber weniger nachhaltig. Die Genre-Collagen B. A. Zimmermanns tragen einen zitathaften Charakter. In ihnen tritt, statt einer Fusion, das Zelebrieren der Grenzüberschreitung als künstlerisch-emanzipatorische Handlung zutage. Der Tabubruch war wichtiger als eine fundierte Integration. Unter den Komponisten, die sich besonders für Kontinua interessierten gab es eine größere Nähe zum Pop, beispielsweise bei den Spektralisten. Je jünger, desto seltener wurden jene Komponisten aus "klassischen Elternhäusern", denen es noch möglich war, die Realität der Pop-Avantgarde zu ignorieren bzw. diese gering zu schätzen, weil sie nicht mit ihr sozialisiert wurden. In der informellen Unterhaltung sind die Unterschiede längst marginal geworden. Darauf künstlerisch zu reagieren, ist jedoch aufgrund der dem Neue-Musik-Apparat zugrunde liegenden Wertungen und seiner komplexen Codierung immer noch nicht trivial. Um diesem inneren Widerspruch zu entkommen, gibt es eben jene den Grenzübertritt feiernden Collagen oder Crossover-Events. Doch sie sind häufig ein sinnloses Nebeneinander von Stilen. Pop kann man nicht einfach eben mal machen. Genauso wie sich "Komposition" für jemanden, der sie studiert hat, nicht mit der Vorstellung von Komposition deckt, die ein Popmusiker hat, der davon träumt, "richtiger" Komponist zu sein (Paul McCartney). Um Pop-Avantgarde zu integrieren, bedarf es einer guten Kenntnis der vielleicht im ersten Moment gar nicht lokalisierbaren Qualitätsansprüche, die Popkünstler an sie stellen.

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Es gab eine Zeit, in der Neue Musik von einem relativ großen Teil der (deutschen) Gesellschaft in der Rolle der musikalischen Avantgarde wahrgenommen und akzeptiert beziehungsweise gefürchtet wurde. Spätestens seit den 70er Jahren muss sich die Neue Musik die Rolle des avantgardistischen Innovators aber mit anderen Musikbereichen teilen. Soziologische und technische Umwertungen haben stattgefunden, die von der Pop-Avantgarde teilweise stärker aufgenommen und gespiegelt wurden als von der Neuen Musik. Infolgedessen erstreckt sich die öffentliche Bewertung dessen, was als avancierte Musik verstanden wird, schon lange nicht mehr nur auf Neue Musik, sondern auf viele verschiedene Bereiche des Musiklebens. Die geringe Reflexion dieses Paradigmenwechsels war ein wesentlicher Grund für das Verschwinden der Neuen Musik aus einem breiteren öffentlichen, nicht-fachspezifischen Diskurs, da sie im Vergleich mit anderen Avantgarden als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurde. Gleichzeitig bezog die progressive Popmusik vielerlei Impulse aus der Neuen Musik (wie auch gelegentlich anders herum), so dass man von einer Tradition der Wechselwirkungen sprechen kann.

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Einen Höhepunkt der Rezeption von Neuer Musik als technischer Avantgarde stellen sicherlich die Aufführungen Stockhausens im Kugelauditorium der Weltausstellung in Osaka 1970 dar. Es ist ein Kunstwerk, in welchem ein Künstler mit einzigartigen technischen Mitteln eine für die breite Masse unbekannte, nicht standardisierte Musik zur zu Gehör bringt. Doch das Privileg der akademischen Musik, auf elektronische Klangerzeuger zuzugreifen, endet mit dem Aufkommen erschwinglicher und mobiler Synthesizer. Sie verliert so ihr technologisches Alleinstellungsmerkmal. Vermutlich ist es kein Zufall, dass in dieser Zeit, Mitte der 70er, die Berichterstattung über Neue Musik in den Medien deutlich zurückgeht, bevor sie in den 80er Jahren fast vollständig zum Erliegen kommt. Der interne Streit über die Rückkehr zu einer Neuen Einfachheit interessiert die breitere Öffentlichkeit nicht. In der mittlerweile pluralistischen Landschaft von Musikhochkulturen hat das Selbstverständnis der Neuen Musik, eine lineare Historie weiterzuführen oder sich dieser explizit zu verweigern, etwas Anachronistisches bekommen. Außerdem kann der Zuhörer nun sein Bedürfnis nach Avantgarde an eindeutigerer und attraktiverer Avantgardemusik aus anderen soziologischen Bereichen stillen. Kraftwerk oder Wolfgang Rihm – wer verkörpert da wohl eher eine Avantgarde?

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Natürlich ist schon genug auf die Neue Musik geschimpft worden, und es ist genauso berechtigt wie unoriginell, sich in die Reihe von Lamentierern oder Polemikern einzufügen. Viel interessanter könnte es sein, die Tradition der Wechselwirkungen zwischen Neuer Musik und Pop-Avantgarde, speziell im deutschsprachigen Raum, zu beleuchten. Die Pop-Avantgarde hat sehr stark von der Neuen Musik profitiert, Impulse aus ihr bezogen. Es ist auffallend, dass viele der späteren Mitglieder von The Can, Neu! oder Kraftwerk Musikstudenten mit Bezug zur Neuen Musik waren. Der zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise avancierte Stand der deutschen Neuen Musik macht sich auch in einer besonders experimentellen Musik bemerkbar, welche als Krautrock dann wiederum im angelsächsischen Raum sehr erfolgreich wurde. Es ist nicht abwegig zu sagen, dass die in Deutschland entstandene Popmusik maßgeblich von der Neuen Musik beeinflusst ist.

[zuerst erschienen auf: avantgardepop.tk]